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Sexismus, Gender, LGBTQI

noch niemals in New York

Quelle

Udo Jürgens… Großartig! Heute möchte ich über den Text von „Ich war noch niemals in New York“ schreiben.[1. Mein Dank gilt Ari, die mich hierauf aufmerksam gemacht hat.]
Für alle, die sich während des Lesens nochmal in das Lied einhören/-fühlen möchten (was ich empfehle), gehts hier zum Lied. Der gesamte Text des Liedes steht weiter unten.

Grundsätzlich geht es in dem Lied ja um Alltag und kleinbürgerliche Enge, demgegenüber die Möglichkeit zum Ausbruch aus damit einhergehenden Zwängen und zum Ausleben von Träumen gestellt wird. Diese Möglichkeit des Ausbruchs wird aber eben nur geträumt, nicht gelebt.

Übersetzt wird die Thematik konkret in den Abend einer Kleinfamilie mit Mann, Frau und Kind. Die Art und Weise, wie diese Familie von Udo Jürgens ausgemalt wird ist das, was mich für den heutigen Beitrag interessiert. Zunächst wird die Geschichte aus einer bestimmten Perspektive erzählt: Der Perspektive eines Mannes, der eben auch Lebensgefährte einer Frau und Vater eines Kindes ist.

Und nach dem Abendessen sagte er,
laß mich noch eben Zigaretten holen geh’n,
sie rief ihm nach nimm Dir die Schlüssel mit,
ich werd inzwischen nach der Kleinen seh’n,

Er geht noch eben Zigaretten holen und die Frau schaut natürlich nach dem Kind. Insofern die klassische Rollenaufteilung. Aber schon in diesen Zeilen wird etwas mehr deutlich. Die Formulierung „lass mich … holen gehen“ ist ein erster Hinweis darauf, wer hier eigentlich als Person gedacht wird, die agiert (Mann) und wer als Person gedacht wird, die einschränkt (Frau).

Jetzt denkt dieser Mann, durchs Treppenhaus etc. gehend, über einen Ausbruch nach. Einen Ausbruch bei dem seine Frau und sein Kind keine Rolle spielen. Er überlegt schließlich alleine ins Taxi zu steigen. Ein Ausbruch aus „Bohnerwachs und Spießigkeit“ ist aber nicht zwangsläufig das Gleiche wie das Verlassen von Frau und Kind. In der hier gezeichneten Story schon. Es wäre genauso denkbar, dass er davon träumt, gemeinsam auszubrechen.

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim,
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit,
die Frau rief „Mann, wo bleibst Du bloß, Dalli-Dalli geht gleich los“,
sie fragte „War was?“ – „Nein, was soll schon sein.“

Nun fehlt dem Mann für seinen imaginierten Ausbruch die Courage. Er steckt die Zigaretten ein und geht wie selbstversändlich heim. Nutzt die zum greifen nahe Freiheit dann doch nicht.

Und dann kommt meine liebste Stelle im Lied: Die Frau fragt rufend, wo er denn bleibe und fügt quasi als Begründung für ihr Drängen eine Fernsehsendung an. Sie wird somit direkt mit der alltäglichen Enge, symbolisiert als unwichtige Fernsehsendung, verknüpft, weil sie ja zu dieser Alltäglichkeit ermahnt. Udo Jürgens zeichnet so in seinem Lied die Ehefrau (zusammen mit dem Kind) als Inbild der Einschränkung, als die Advokatin der Enge. Die Frau als personifizeirter Freiheitsentzug.

Bezüglich Kleinbürgertum, Spießigkeit und der nie genutzten Möglichkeit des Ausbruchs hat Udo Jürgens so ein mehr oder weniger kritisches Werk komponiert. Bezüglich Geschlechterrollen und dem Bild des in der Gesellschaft auftretenden männlichen Akteurs, der die Freiheit liebt und der weiblichen Akteurin, die Freiheit einschränkt hat er allerdings ein allzu affirmatives Stück geschrieben.

Schade lieber Udo Jürgens, wo ich doch deine Musik grds. auch abfeiern kann.

eine grundsätzliche Anmerkung

Weil ich in Diskussionen immer wieder gefragt werde, wo denn das Problem an all dem was ich kritisiere sei, möchte ich noch einmal darauf verweisen, dass der Einzelfall nicht automatisch problematisch ist.[2. Danke Elena für deine kritischen Anfragen.] Es geht mir darum gesellschaftliche Strukturen aufzuzeigen. Der Einzelfall (bspw. das Lied) wird hier also nicht nur als Einzelfall, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Verständnisses (bzw. Diskurses) betrachtet. Es ist demnach kein Zufall, dass im Lied von Udo Jürgens die männliche Charaktere diejenige ist, die überlegt auszureißen. Diese Modellierung von Udo Jürgens ist Teil eines Netzes von Differenzen und Normalitäten, die unser Denken und Handeln leiten und damit auch einschränken. Sie strukturieren unser Tun (machen es also in bestimmte Richtungen hin wahrscheinlicher), determinieren es aber nicht (machen es nicht unmöglich anders zu handeln). Der Titel des Blog weitausmehr verweist darauf, dass diese Einschränkungen real, nicht aber nötig sind. Weitaus mehr lebensweisen sind nicht nur möglich, sondern sie könnten auch gesellschaftlich aktzeptabel sein bzw. als gesellschaftliche „Normalität“ Anerkennung finden.

Liedtext

Und nach dem Abendessen sagte er,
laß mich noch eben Zigaretten holen geh’n,
sie rief ihm nach nimm Dir die Schlüssel mit,
ich werd inzwischen nach der Kleinen seh’n,

er zog die Tür zu, ging stumm hinaus,
ins neon-helle Treppenhaus,
es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit.
und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär,
ich müßte einfach geh’n für alle Zeit,
für alle Zeit…

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Franzisko in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

Und als er draussen auf der Straße stand,
fiel ihm ein, daß er fast alles bei sich trug,
den Paß, die Eurochecks und etwas Geld,
vielleicht ging heute abend noch ein Flug.

Er könnt‘ ein Taxi nehmen dort am Eck oder Autostop und einfach weg,
die Sehnsucht in ihm wurde wieder wach,
nach einmal voll von Träumen sein, sich aus der Enge hier befrei’n,
er dachte über seinen Aufbruch nach,seinen Aufbruch nach…

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Franzisko in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim,
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit,
die Frau rief „Mann, wo bleibst Du bloß, Dalli-Dalli geht gleich los“,
sie fragte „War was?“ – „Nein, was soll schon sein.“

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Franzisko in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.