niemandes Griechen

Griechenland ist Dauerbrenner in der Presse. Und da leistet sich der Spiegel auch mal ein wenig Alltagsrassismus mit dem Deckblatt der neuen Ausgabe:

Quelle
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Zunächst sei gesagt, dass sich aufgrund der vielen Aufregung auch schon der Chefredakteur Klaus Brinkbäumer dazu geäußert hat (Quelle):

Der aktuelle SPIEGEL-Titel wird in manchen sozialen Netzwerken beschimpft. Er sei hetzerisch, heißt es, mindestens respektlos. Schauen Sie sich auf unserem Titelbild bitte nicht nur den Griechen, sondern auch den Deutschen an. Welche der beiden Figuren ist Ihnen sympathischer?

Warum ist es wichtig zu schauen, wer einem sympathischer ist? Diese Frage des Chefredakteur macht nur Sinn, wenn man davon ausgeht, dass wir es nur dann mit Alltagsrassismus zu tun haben, wenn wir eine negative Intention haben. Das ist nicht der Fall! Es ist sehr wohl auch möglich im Alltag Stereotype und essentialistisch ehtnisierende Standpunkte zu reproduzieren, ohne etwas böses dabei zu wollen. Intention ist keine Bedingung für Alltagsrassismus! Das scheint der Chefredakteur des Spiegels nicht reflektiert zu haben.

Weiterhin legitimiert Brinkbäumer das Bild damit, dass Karikaturen ja satirisch mit Klischees spielen und Humor ja noch erlaubt sein müsste. Wir kommen also zur bildlichen Darstellung, nach welcher die Person links ja kritisch distanziert zur ausgelassen tanzenden Person rechts schaut. Alkohol, Zigaretten und tanzen stehen hier dem Fußball und dem vielen Geld gegenüber. Transportiert wird, dass „wir Deutschen“ den Griechen nicht noch mehr Geld für ihr Lotterleben (Alkohol, tanzen etc.) geben wollen. All das ist zwar stumpf stereotyp, lässt sich aber sicher mit Humor und Satire entschuldigen bzw. legitimieren.

Aber was ist denn mit der Überschrift? „Unsere Griechen“? Wessen genau bitte? Das bleibt unklar. Und dann „Annäherung an ein seltsames Volk“? Ein Volk wird zur homogenen Einheit gemacht und pauschal als seltsam abgestempelt. Was auch immer das Wort „seltsam“ für einen Inhalt transportieren soll, es hat zumindest eine herablassende Konnotation und macht eine deutliche Differenz zwischen uns und denen auf. Und dass es hier eine Annäherung braucht setzt unweigerlich voraus, dass Deutsche und Griechen in großer Distanz zueinander stehen.

Ganz genau genommen wissen wir ja nicht einmal, ob es sich um eine Person mit deutscher Staatsangehörigkeit und eine andere Person mit griechischem Pass handelt. Das sind letztlich nicht beobachtbare Zuschreibungen. Es ist ja nicht so, als könnte nicht jede Person in dieser Welt ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft tragen. Und trotzdem wissen wir alle sofort, wer hier welche Nation repräsentieren soll. Es wird aber noch mehr deutlich: Klassismus.

Wer steht denn hier für den als gierig dargestellten Deutschen? Ein ganz bestimmtes Bild eines Deutschen. Eine Person mit Fußballtrikot, Sandalen und Socken darin, dickem Bauch, wenig stylischem Hut und altbackenem Schnauzer. Hier wird nicht irgend ein Deutscher stereotyp dargestellt. Hier wird der kleinbürgerlich, etwas dümmlich dreinblickende Deutsche dargestellt. Der ist nämlich im Sinne des reproduzierten Vorurteils durch den Spiegel geizig und hat Vorurteile.

Koppelt man dies mit der Äußerung von Brinkbäumer, der die Darstellung des Deutschen als unsympathisch versteht, wird klar, was für ein stereotypes Bild der Herr Chefredakteur aus der Oberschicht vom Kleinbürgertum hat. Genau das ist Klassismus!

Der Spiegel (re)produziert so nicht nur griechische Stereotype – dagegen genau wehrt sich ja der Chefredakteur – er (re)produziert genauso deutsche Stereotype und auch Bilder von Klassenunterschieden.