eine „richtige“ Mutter

Am vergangenen Sonntag war Muttertag. Und obwohl der Begriff Mutter eigentlich nur eine biologische Relation bezeichnet, ist er doch mit weitreichenden normativen Vorstellungen einer „richtigen“ oder „guten“ Mutter verbunden. Welche das sind zeigt uns u.a. die folgende Werbekampagne in der erklärt wird, wann eine Mama die beste Mama ist (es genügt die erste Minute):

Was macht eine Mutter zur besten Mutter? Folgende Charakterisierungen werden genannt: immer für mich da; für mich alles machen würde; warm- bzw. großherzig (gleich 4x); liebevoll; Geduld; mit der ich über alles reden kann; immer ein offenes Ohr. Zusammengefasst: Gut ist eine Mutter dann, wenn sie sich möglichst intensiv um ihre Kinder kümmert und damit weniger um sich selbst. Eine schlechte Mutter ist demzufolge eine, die sich beispielsweise um eine berufliche Karriere bemüht.

Um Missverständnisse zu vermeiden sei gesagt, dass ich nicht die einzelnen Aussagen in dem Video an sich kritisiere. Es geht mir darum, aufzuzeigen, wie klar und wirkmächtig unser Bild von Müttern ist und, dass dieses starre Bild einschränkend wirkt. Dieses gesellschaftliche Ideal von Frauen als fürsorgliche Mütter wird dann besonders deutlich, wenn Frauen sich entscheiden, keine Kinder zu bekommen. Die häufigste Reaktion anderer Personen ist dann etwas wie „warum?“. Und in diesem „warum“ wird die Abweichung von der Norm deutlich. Keine Kinder bekommen zu wollen gilt mindestens als legitimationsbedürftig, meißt aber als das Gegenteil von fürsorglich, als egoistisch.

Sarah Diehl hat in ihrem Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ u.a. darüber geschrieben. Im folgenden ein paar Zitate aus Interviews mit ihr, die das Thema besser auf den Punkt bringen, als ich es kann:

Sarah Diehl: … gerade weil Mutterschaft so stark an Emotionen geknüpft ist, ist es schwer, sich dagegen zu wehren und zu sagen: „Ich mache diese Arbeit nicht.“ Dann bist du lieblos – und wer will das schon sein? Vor allem, wenn dir andere Anerkennungsmuster verschlossen bleiben, zum Beispiel über politische oder wissenschaftliche Arbeit, die Frauen lange nicht machen durften. Da gab es dann nur Mutterschaft als positive Identifikation. Das arbeitet noch heute in uns fort, verstärkt auch aufgrund eines sehr prekären Arbeitsmarktes. (Quelle)

Sarah Diehl: … Dieses starre Mutterideal in unserer Gesellschaft schränkt sowohl kinderlose Frauen als auch Mütter ein. Denn das Schlimme ist ja: Als Mutter hast du objektiv betrachtet tatsächlich den Kürzeren gezogen und genau das ist ja das Problem. (…) Dabei ist es wichtig zu verstehen: Das ist eine ganze Erzählung in unserer Gesellschaft, die in den Frauen arbeitet und ihr Selbstbild bestimmt. Es ist nicht immer so, dass konkret gesagt wird: Du, warum hast du keine Kinder? Das kommt sehr subtil, denn das Kinderkriegen ist fest an unser Bild von Weiblichkeit geknüpft. Da wird ein großer psychologischer Druck aufgebaut, der auf den Frauen lastet. (Quelle)

Frage: Wenn eine Frau sich gegen Kinder entscheidet, mit welchen Vorurteilen ist sie konfrontiert?
Sarah Diehl: Sie denke zu sehr an sich, heißt es dann. Sie sei karrieregeil, übernehme keine Verantwortung und wolle nicht erwachsen werden. Frauen erzählen mir immer wieder, dass sie sich tatsächlich fragen, ob mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie trotz einer glücklichen Partnerschaft keinen Wunsch nach Kindern verspüren, weil positive Identifikationsangebote für Kinderlose noch fehlen. In unseren Erzählungen, etwa in Märchen, ist die unabhängige, kinderlose Frau ja auch böse – sie ist die Hexe. Quelle)

Interessant wird diese Konstruktion des Mutterideals im Kontrast zu Männern:

Frage: Trifft kinderlose Männer der Egoismus-Vorwurf nicht genauso?
Sarah Diehl: Viel weniger. Während meiner Recherche habe ich gemerkt: Viele Männer haben sich bisher kaum Gedanken über das Thema gemacht, weil sie sich nicht rechtfertigen müssen und nie darauf angesprochen werden. (Quelle)