die „sozial schwache Bevölkerung“ will sich nicht mit Politik beschäftigen (sic)

Vor etwa drei Wochen wurde in Hamburg gewählt. Und neben einem Wahlergebnis gab es da natürlich auch ganz viele Interpretationen zu Ergebnissen einzelner Stadtteile und eben auch Interpretationen zur niedrigen Wahlbeteiligung.

Da lautete es in verschiedensten Berichten immer ganz ähnlich:

Diese erschütternde Zahl wirft ein Schlaglicht auf die Kuriositäten der Bürgerschaftswahl 2015: Mit 26,2 Prozent ist die Wahlbeteiligung im Stadtteil Billbrook bei der Bürgerschaftswahl am Sonntag am niedrigsten gewesen. In Stadtteilen mit sozial schwacher Bevölkerung hätten die Bürger am wenigsten von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht, teilte Landeswahlleiter Willi Beiß am Dienstag mit. „Das Problem ist, dass das Wahlrecht für Personen, die sich nicht so mit Politik beschäftigen wollen, eher abschreckend wirken könnte“, sagte Beiß. (Hamburger Abendblatt: http://tinyurl.com/ntfuxe7 )

oder

Noch nie nutzen so wenig Hamburger ihr Wahlrecht – und vor allem in sozial schwachen Stadtteilen blieben die Wähler zu Hause. Mit 26,3 Prozent hat der Stadtteil Billbrook die niedrigste Wahlbeteiligung. Die meisten Wähler gab es hingegen in Wohldorf-Ohlstedt – hier gaben 76,7 Prozent der Wahlberichtigten ihre Stimme ab. «Das Problem ist, dass das Wahlrecht für Personen, die sich nicht so mit Politik beschäftigen wollen, eher abschreckend wirken könnte», sagte Landeswahlleiter Willi Beiß am Dienstag. (Bild-Zeitung: http://tinyurl.com/qh83caa )

Die Interpretation ist also, dass sich bestimmte Menschen also nicht mit Politik „beschäftigen wollen“. Jemand hat also individuell nicht das Interesse und zugleich ist das Wahlrecht, das die Abgabe von zehn Kreuzen ermöglicht, „abschreckend“. Abschreckend weil angeblich zu schwierig? Das Wahlrecht soll also vom Wählen abgehalten haben?

Ich will noch etwas anderes hinzu ziehen. Es gab die höchste Wahlbeteiligung in Wohldorf-Ohlstedt. Hier verdient jede steuerpflichtige Person im Schnitt 86614€ jährlich. Und in Billbrock, wo die niedrigste Wahlbeteiligung vorgelegen hat, verdiente jede steuerpflichtige Person 25240€, womit Billbrock eines der ärmsten Viertel ist. (vgl. http://tinyurl.com/knf3ufc )

Könnte es da nicht viel eher sein, dass die Politik für Menschen mit geringem ökonomischem Kapital keine ernsthaft wählbaren Angebote macht bzw. nicht als Interessenvertretung für diese Personen verstanden wird? Das wird nicht als Interpretation in Erwägung gezogen. Vielmehr wird das Problem individualisiert. Die Sozial schwachen sind abgeschreckt, weil kognitiv nicht fähig, das Wahlsystem zu verstehen.
Und auch die Bezeichnung „sozial schwach“ ist doch irgendwie schräg. Als wär man schwach im sozialen Umgang oder ähnliches. Deskriptiver wäre die Bezeichung „geringes ökonomisches Kapital“.

Was wir am Ende nach den Artikeln  hingegen gelernt haben sollen: die sozial Schwachen haben entweder kein Interesse an Politik oder sind zu dumm.