Als Trans*person ins Schwimmbad

Diese Woche erreichte mich über einen Mailverteiler ein Aufruf zur Unterzeichnung eines offenen Briefs an die Betreibenden der Berliner Bäder.

Ich teile diesen Aufruf einerseits um ihn zu verbreiten und andererseits um zu verdeutlichen, wie gewaltsam wir uns in dieser Gesellschaft an die Idee der eindeutigen Zweigeschlechtlichkeit klammern. Zum Inhalt des offenen Briefs (gekürzt):

„Am Dienstag, den 03.11.2015 besuchte eine Schwarze Trans* Person um 11 Uhr in Begleitung einer Person das Stadtbad Neukölln. Beide Personen entschieden sich entsprechend ihrer Positionierung, aber auch, weil keine anderen Möglichkeiten vorhanden sind, den Frauenbereich der Umkleidekabinen zu nutzen. In der Umkleidekabine kam es zu sich wiederholenden und erheblichen An- und Übergriffe durch anwesende Badegäste.
Es handelte sich hierbei um die Erzieherin einer Kita-Gruppe, welche das Stadtbad Neukölln ebenfalls nutzte. Die Schwarze Trans* Person wurde von der Erzieherin darauf hingewiesen, sich in der “falschen” Umkleidekabine zu befinden und aufgefordert, diese umgehend zu verlassen. Nachdem die Schwarze Trans* Person sich gegenüber der Erzieherin mehrmals positionierte und auf ihr Recht, sich in dieser Umkleidekabine aufzuhalten und diese nutzen zu dürfen, aufmerksam machte, wurde sie von der Erzieherin körperlich daran gehindert die Tür der Einzelumkleidekabine zu schließen. Die Erzieherin begann des weiteren die Schwarze Trans* Person zu beleidigen, zu beschimpfen und anzuschreien. Darüber hinaus wurde die Schwarze Trans* Person von der Erzieherin immer wieder als „junger Mann“ bezeichnet und als eine Gefährdung für die anwesenden Kinder dargestellt, was zu keinem Zeitpunkt gegeben war, da diese lediglich versuchte, das Angebot des Schwimmbades zu nutzen.“ (Quelle)

Der Vorfall endet damit, dass besagte Person vom Personal des Bades aus der Umkleide heraus gebeten wird und letztlich nicht im Bad schwimmen gehen kann (Hier gehts zum vollständigen offenen Brief).

Es wird deutlich, dass die geschlechtliche Zuschreibung als etwas so „natürlich“ festgelegtes betrachtet wird, dass die Selbstpositionierung einer Person demgegenüber als irrelevant gilt.

Darüber hinaus wird aber vor allem deutlich, wie wirkmächtig Geschlecht als eine gesellschaftliche Ordnungskategorie ist: Wie stark muss die Überzeugung einer eindeutigen Geschlechtszuordnung sein, wenn man bereit ist, dafür eine Person, die nichts möchte, außer sich in einer Umkleidekabine umziehen, durch körperliches Einwirken an der Nutzung der Kabine zu hindern? Offensichtlich sehr stark.

Dass dann das Badpersonal hinzugezogen wird bestärkt nur noch viel mehr, wie sehr die Erzieherin davon ausgeht, dass sie von außen einen objektiven Blick auf die geschlechtliche Positionierung einer anderen Person hat. Zugleich muss sie davon ausgehen, dass ihr alle anderen (zumindest das Personal des Bades) Recht geben.

Der Erzieherin genauso wie dem Badpersonal scheinen die psychische Gewalt, die hier ausgeübt wird entweder nicht bewusst zu sein oder sie erachten die Verletzung einer Person als geringeres Problem als deren Nutzung einer Umkleidekabine.

Vor dem Hintergrund von Zweigeschlechtlichkeit als kontingenter Konstruktion ist es unverständlich, warum es einer Person so wichtig ist, dass nur vermeintlich eindeutig geschlechtlich zuzuordnende Personen in der Umkleide im Frauenbereich sein dürfen. Mit welchem Recht soll das legitim sein?

Ich verstehe das o.g. Ereignis auch als Beispiel dafür, dass die Auseinandersetzung mit Differenz und Einschränkungen durch Differenzordnungen eben kein Luxus sind, sondern für bestimmte Personen existenziell. Hierzu Judith Butler: „Die normative Hoffnung, die sich hier äußert, hat mit der Fähigkeit zu tun, zu leben, zu atmen und sich zu bewegen (…) Der Gedanke an ein mögliches Leben ist nur für diejenigen ein Luxus, die schon von sich wissen, dass sie möglich sind. Für diejenigen, die noch darauf warten, möglich zu werden, ist die Möglichkeit eine Notwendigkeit“ (Butler 2011: Die Macht der Geschlechternormen; S. 56)

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Abschließend, weil es zum Thema passt, noch ein Hinweis eine Veranstaltungsreihe vom AStA der Uni Köln: